Die großen Graser

Im Eleonorenwald bei Vrees im nördlichen Emsland grasten von 2006 bis 2008 Wisente zwischen uraltem Waldbestand und Wiesen.

Derweil gewinnt die so genannte Megaherbivorentheorie in den letzten Jahren unter Wissenschaftlern immer mehr Anhänger – unter anderem, weil sich in beinahe allen beweideten Parklandschaften wie dem Paradies eine große Artenvielfalt einstellt. Kurz gesagt wird dabei folgende Annahme diskutiert: Europa war vor der verstärkten Siedlungstätigkeit des Menschen nicht überwiegend von geschlossenem Wald bedeckt, sondern bestand aus einem Mosaik halboffener Landschaften und dichter Wälder. Erstere wurden durch große Gras fressende Säugetiere, den Megaherbivoren, offen gehalten. Zu Ihnen zählten Wildpferde, Auerochsen und Wisente, die einst allesamt auch im Emsland gelebt haben. Für die Theorie sprechen archäologische Funde zum Beispiel von Feldhamstern. Die kleinen Nager lebten nie in Wäldern, wurden aber an Orten gefunden, die zu Lebzeiten der Fundstücke mit Wald hätten bedeckt gewesen sein müssen.

Sicher ist: Wo große Graser die Landschaft offen halten, steigt die Artenvielfalt deutlich an, weshalb es immer mehr große Schutzprojekte mit Pflanzenfressern gibt. Im emsländischen Vrees zum Beispiel streifte  2006 bis 2008 eine kleine Gruppe Wisente durch den 1000 Hektar großen Eleonorenwald. Allerdings braucht es nicht die alten Wildtiere für die Megaherbivorenprojekte: Genügsame Hausrinder, Pferde und Schafe erzielen denselben Effekt.

 

Im Borkener Paradies entfalten die Weidetiere diese die Landschaft öffnende Wirkung nun schon ununterbrochen seit Jahrhunderten – und wer der Theorie der großen Graser anhängt, findet im Paradies vielleicht eine Art Blaupause für die Vergangenheit Europas. Tatsache ist: Auch im Paradies ist die Artenvielfalt hoch, besonders unter den Vögeln. Der  Naturschutzbund erfasst seit Jahren den Bestand, und die Liste, die dabei Jahr für Jahr entsteht ist beeindruckend: 2006 zum Beispiel gab es rund 75 verschiedene Vogelarten, darunter Nachtigall, Pirol, Kleiber, Neuntöter, Misteldrossel, Schwarzspecht und Baumfalke. Auch die Pflanzenwelt ist vielseitig. So streckt der „Ährige Ehrenpreis“ kleine, blaue Blüten in den Himmel: Ihn gibt es in ganz Niedersachsen nur noch an gut einem Dutzend Standorten. Hinzu kommen rosafarbene Heidenelken, gelber Mauerpfeffer oder lilafarbene Hundsveilchen.

 

Nährstoffe aus der Luft

 

Gleichwohl: Das „Borkener Paradies“ hat sich in den letzten Jahren nicht nur positiv entwickelt, und verantwortlich ist der Eintrag von Nährstoffen aus der Luft. Immer mehr Stickstoff gelangt durch den Autoverkehr oder die Landwirtschaft in die Atmosphäre und düngt jeden Quadratmeter Fläche – egal ob die hier lebenden Pflanzen dies vertragen können oder nicht. So hat ein Weiher im „Borkener Paradies“ einen wertvollen Teil seiner Pflanzenwelt verloren: Schwanenblume und Flachstängeliges Laichkraut fehlen ebenso wie der Flutende Sellerie. Und mit dem Kaktusmoos hat auch noch ein unerwünschter Einwanderer von der Südhalbkugel des Planeten den Weg ins Paradies gefunden. Er überwuchert zeitweise Teile der Sandtrockenrasen.

Auch wurde ein am Rande des Gebietes in der Emsschleife liegender Eichenwald, der sich in Bundesbesitz befindet, bisher nicht unter Naturschutz gestellt. Und dies, obwohl er nach Aussage von Professor Pott einen „der letzten größeren Hartholzauwälder an einem Fluss überhaupt“ darstellt. Und doch wäre es falsch, zu viel zu klagen. Immerhin sind Landschaften wie das „Paradies“ andernorts gar nicht erhalten geblieben.